DIE UNSICHTBARE*

Die Welt scheint fast nur von Männern geprägt zu sein. Der Eindruck kommt nicht nur in Geschichtsbüchern auf, sondern auch im Stadtbild – fast alle Personendenkmäler im öffentlichen Raum sind männlich, so auch im Nürnberger Stadtgebiet. Dabei wurden die Stadt- und Nationalgeschichten, wie eben auch die Nürnberger Stadtgeschichte, natürlich ebenso durch starke Frauen* geprägt! Frauen* sind und waren handelnde Subjekte. Nur bleiben diese meist unerinnert und unsichtbar.

Gesellschaftsordnungen beziehen sich auf Traditionen - Gleichstellung und Emanzipation müssen daher auch mit einem weiblicheren, feministischen und queeren Blick auf Geschichte und Geschichtsvermittlung einhergehen. Hier setzt DIE UNSICHTBARE* an: Mit einem dokumentarischen und zugleich informiert-intervenierenden Blick auf Personendenkmäler.

Mit dem Projekt soll ein stadtgesellschaftlicher Diskurs über Diversität in der Erinnerungslandschaft angestoßen werden. Es will konkret 20 weibliche* Personen erinnern, die stellvertretend für die UNSICHTBAREN* Frauen* der (lokalen) Geschichte stehen und zugleich auf die Leerstellen hinweisen, die durch die androzentristische (den Mann ins Zentrum des Denkens stellende Anschauung) Geschichtsvermittlung entstanden ist. DIE UNSICHTBARE* macht sichtbar, dass etwas fehlt und zugleich einige derjenigen sichtbar, die fehlen.

Die Ausstellung findet nicht, wie ursprünglich angedacht, im Z-Bau, sondern im öffentlichen Raum statt. Auf 20 Plakatflächen der Stadtreklame in der Altstadt und dem Gebiet des inneren Rings.

Kunigunde Niklasin

* unbekannt;
† 1457

Nonne, Buchmeisterin und Schreiberin im Dominikanerinnenkloster St. Katharina

Dorothea Landauerin

* um 1480 in Nürnberg;
† 29. November 1529

selbstbewusste Nürnbergerin der Oberschicht, der eine erfolgreiche Scheidung von ihrem gewalttätigen Mann gelang

Catharina Regina von Greiffenberg

*07.09.1633, Amstetten/Österreich;
† 10 April 1694 in Nürnberg

eine der bedeutendsten Dichterinnen der Barockzeit

DR. EMMY NOETHER

* 23. März 1882 in Erlangen;
† 14. April 1935 in Bryn Mawr, Pennsylvania

bedeutendste Mathematikerin, Begründerin der modernen Algebra

Else Dormitzer

* 17. November 1877 in Nürnberg;
† 3. Juni 1958 in London

Journalistin und Kinderbuchautorin, 1. weibl. Vorstand im Centralverein dt. Staatsbürger jüd. Glaubens, Holocaust-Überlebende

Dr. Dr. Bertha Kipfmüller

*28. Februar 1861 in Pappenheim;
† 3. März 1948 ebenda

radikale Frauenrechtlerin der bürgerlichen Frauenbewegung, erste professionelle Lehrerin Mittelfrankens, erste promovierte Frau in Bayern, Pazifistin im Ersten Weltkrieg, mit 68 Jahren 2. Promotion

ÀGNES Rózsa

* 17. Oktober 1910 in Nagyvárd (heute Oradea);
† 30. Juli 1984 in Kolozsvár

als KZ-Gefangene: Zwangsarbeit bei Siemens-Schuckert, Holocaust-Überlebende, Lehrerin und Schriftstellerin

Caritas Pirckheimer

* 21. März 1467 in Eichstätt;
† 19. August 1532 in Nürnberg

humanistische Äbtissin

Fatmeh

* um 1675 in Modon (heute Griechenland);
† Altdorf (kurz nach ihrer Taufe)

Die mehrsprachige junge Frau wurde in den sog. „Osmanenkriegen“ nach Deutschland verschleppt

Maria Sibylla Merian

*2. April 1647 in Frankfurt am Main;
† 13. Januar 1717 in Amsterdam

Naturwissenschaftlerin, Insektenforscherin, Künstlerin

Emilie Lehmus

* 30. August 1841 in Fürth;
† 17. Oktober 1932 in Gräfenberg

erste niedergelassene Ärztin in Deutschland, Gründerin der ersten Polyklinik für Ärztinnen

Emma Ullmann

* 1884 in Schnaittach;
† 1938 in Nürnberg

Kauffrau, Mitglied im Vorstand der israelit. Kultusgemeinde, Mordopfer der Nazis in der Reichspogromnacht

Dr. Julie Meyer

* 15. Januar 1897 in Nürnberg;
† 18. August 1970 in New York

Soziologin, Politikerin und Mitherausgeberin der Zeitschrift Echo der jungen Demokratie der Deutschen

Kunigunde Schwab

* 3. Juli 1910 in Nürnberg;
† 10. Januar 1997 ebenda

kommunistische Widerstandskämpferin im NS, als Mitglied der Verfassungsgebenden Landesversammlung Bayern erreichte sie 1946 die Einfügung des Satzes: „Männer und Frauen erhalten für gleiche Arbeit den gleichen Lohn“

Agnes Dürer

* um 1475 in Nürnberg;
† 28. Dezember 1539 ebenda

Meisterfrau, Kunsthändlerin, verheiratet mit Albrecht Dürer

Anastasius Lagrantius Rosenstengel

* 1687 in Gehofen;
† 8. November 1721 in Halberstadt

wechselte ihre Geschlechtsidentität durch eine „Taufe“ in Nürnberg und heiratete eine Frau

Friederike Caroline Neuber

* 9. März 1697 in Reichenbach im Vogtland;
† 30. November 1760 in Laubegast

Schauspielerin (auch in Männerrollen), Dramatikerin, Theaterprinzipalin, Reformerin des deutschen Theaters

Elise Hopf

* 1865 in Nürnberg;
† 1936 ebenda

wichtige Vertreterin der bürgerlichen Frauenbewegung, Einsatz für Modernisierung der Wohlfahrtspflege, Mitbegründerin des Landesverbandes Bayerischer Hausfrauenvereine

Lee Miller

* 23. April 1907 in Poughkeepsie, New York, USA;
† 21. Juli 1977 in Chiddingly, East Sussex, England

Fotomodell, Fotografin, Fotojournalistin, Kriegsfotografin im Zweiten Weltkrieg

Berta Backoff

* um 1911 in Nürnberg;
† 2001 verstorben auf einer Reise in Hanoi, Vietnam

kommunistische Widerstands- kämpferin im Nationalsozialismus Antikapitalistin

BEGLEITPROGRAMM

Begleitend zur Ausstellung „Die Unsichtbare*“ finden eine Reihe von Veranstaltungen statt, u. a. werden zwei geleitete Themenführungen mit der Historikerin Nadja Bennewitz und in Kooperation mit dem Staatstheater Nürnberg ein Workshop für interessierte Gruppen und Einzelpersonen angeboten.

Den Auftakt bildet am Eröffnungsabend eine Podiumsdiskussion, bei der geladene Refert*innen über ein gemeinsames Thema diskutieren werden, nämlich über die Verankerung von Frauengeschichte und von genderqueeren Personen im öffentlichen Raum.

Ab 19:30 Uhr Eröffnungsfeier zur Ausstellung "Die Unsichtbare*"informellen Get-together

Ab 20:00 Uhr Beginn der Podiumsdiskussion

Thema der Podiumsdiskussion: Die Verankerung von Frauengeschichte im öffentlichen Raum sichtbar machen in der Stadt. Daraus ergeben sich die folgenden Fragen: Wie weiblich ist die Stadt? Wo sind die Denkmäler für die Heldinnen und Frauen* aus aller Welt in Nürnberg? Was könnten zeitgenössische Formen für Personendenkmäler sein? Geladene Referent*innen: Frau Hedwig Schouten (Gleichstellungs- und Frauenbeauftragte der Stadt Nürnberg), Frau Nadja Bennewitz (Historikerin M.A.; Wiss. Angestellte am Lehrstuhl für Didaktik der Geschichte an der FAU Erlangen-Nürnberg) und Frau Birgit Heidtk (Historikerin mit dem Schwerpunkt auf Frauen- und Geschlechtergeschichte).

Ab ca 21:30 Uhr Enstpannter Ausklang mit Musik/DJ-ing

Zusätzlicher Hinweis: Bitte gebt bei der Anmeldung unbedingt Euren 3G-Status mit an!

Dieses Veranstaltung wird gefördert durch: Kurt-Eisner-Verein/ Rosa-Luxemburg-Stiftung Bayern sowie durch die Stadt Nürnberg/ Bürgermeisterin/ Geschäftsbereich Kultur und findet in Kooperation mit der Petra-Kelly-Stiftung statt.

Die Unsichtbare* I

Ein Spaziergang wider die Leerstellen in der Nürnberger Erinnerungslandschaft

Große, weiße Männer auf hohen Sockeln, gewichtige Inschrifttafeln, mit denen ihrer gedacht wird – sind das die historischen Helden, auf die sich die gegenwärtige Gesellschaft beziehen möchte? Wie könnte die Stadt als feministische und queere Erinnerungslandschaft aussehen?

Statt den in 25 Metern Höhe thronenden „Eisernen Kanzler“ Otto von Bismarck zu würdigen, wäre es Zeit, sich der queeren Geschichte von Catharina Margaretha Linck zu nähern. Unter dem Namen Anastasius Lagrantinus Rosenstengel führte sie ein Leben als Mann und verliebte sich in Catharina Margaretha Mühlhahn, die beiden heirateten – und das alles im 18. Jahrhundert!

Die Unsichtbare* will in das männlich besetzte Stadtgebiet durch feministische Intervention eingreifen. Bei einem Spaziergang erfolgt ein Perspektivwechsel, bei dem das Fehlen der Frauen* sichtbar gemacht und dies kritisch zur Diskussion gestellt wird.

Termin: Sa, 2.10., 15.00 Uhr

Treffpunkt: Ulman-Stromer-Weg an der Pegnitz, unterhalb des Bismarckdenkmals am Prinzregentenufer, 90489 Nürnberg

Dauer: ca. 1,5h bis 2h

Die Teilnahme an dieser öffentlichen Führung ist kostenlos. Aufgrund der aktuellen Situation ist auch hier eine Voranmeldung per E-Mail erforderlich

Die Unsichtbare* II

Ein Spaziergang zu queer-feministischen Erinnerungsorten und solchen, die es noch werden könnten

Eine humanistische Äbtissin, die Katholiken wie Feministinnen für sich beanspruchen und eine verpasste Chance, eine Straße nach Dr. Julie Meyer zu benennen, nach dieser wichtigen Protagonistin im jüdischen Abwehrkampf gegen Nazis: Das sind einige Geschichten, die das kulturelle Gedächtnis der Stadt ausmachen (könnten).

Der Magnus-Hirschfeld-Platz bildet hier eine wohltuende Ausnahme: Hier wird der verfolgten homosexuellen Männer gedacht und die queere Ikone Nürnbergs, Stadträtin Uschi Unsinn, sorgte mit anderen dafür, dass auch an die lesbischen Frauen erinnert wird.

Die Unsichtbare* will in das männlich besetzte Stadtgebiet durch feministische Intervention eingreifen. Bei einem Spaziergang erfolgt ein Perspektivwechsel, bei dem das Fehlen der Frauen* sichtbar gemacht und dies kritisch zur Diskussion gestellt wird.

Termin: Fr, 8.10., 17.00 Uhr

Treffpunkt: Klarakirche, Königstr. 64, 90402 Nürnberg

Dauer: ca. 1,5h bis 2h

Die Teilnahme an dieser öffentlichen Führung ist kostenlos. Aufgrund der aktuellen Situation ist auch hier eine Voranmeldung per E-Mail erforderlich

Finissage im 500 Jähriges Fachwerkhaus/ Fläche ist ca. 60 qm Auf 20 Plakatwände der Stadtreklame wurde Die Unsichtbare* vom 1. Oktober bis 22. Oktober 2021 in Nürnberg gezeigt. Vom 21. Oktober bis zum 22. Oktober 2021 wird die Ausstellung auf Grund der Corona-Bestimmungen nur mit einer kleinen Finissage beendet.

Wir laden Sie ein an den letzten beiden Tagen der Ausstellung in Nürnberg die einmalige Gelegenheit wahrzunehmen sich alle erarbeitet Motive in den historischen Räumlichkeiten von BOGI NAGY GALERIE&ATELIER, Schlehengasse 15, 90402 Nürberg (www. boginagy.com/galerie-atelier), anzusehen und noch einmal den Spuren der 20 außergewöhnlichen Frau*en zu folgen.

Ablauf- und Zeitplan: Do 21.10.2021, 18.30 Uhr– 22.00 Uhr